Werkstattfilme

Aachen ist eine Grenzstadt mit Belgien im Süden und den Niederlanden im Westen. Wir hatten die Grenzen schon lange vergessen. Seit zwanzig Jahren gibt es hier keine Schlagbäume mehr. Die Kontrollhäuschen sind verlassen, abgerissen oder zum Kulturcafé geworden. Doch seit ein paar Jahren hat die kleine Großstadt im äußersten Westzipfel unseres Landes eine besondere Bedeutung bekommen. Über eine belgische und eine holländische Autobahn und über die TGV-Strecke Paris – Brüssel –Köln führen klassische Flüchtlingsrouten, die oft in Aachen enden, wenn die Polizei die illegal Eingereisten aufgreift. Darunter befinden sich viele Kinder und Jugendliche, die sich ohne Begleitung bis hierhin durchgeschlagen haben. Mit etwas Glück finden sie einen Platz im Kinderheim und dürfen zur Schule gehen. In dieser Situation setzt unsere Werkstattarbeit an.

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Dreharbeiten zu EINE BANANE FÜR MATHE Photo: Michael Chauvistré

Wie kann man minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen eine Gebrauchsanweisung für den Alltag in Deutschland an die Hand geben? Dieser Frage sind wir, die Filmemacher Miriam Pucitta und Michael Chauvistré, in unserem Film „Wie geht Deutschland?“ nachgegangen. Anders als in unserer professionellen Arbeit als Regisseure für Film und Fernsehen haben wir die Jugendlichen nicht mit der Kamera beobachtet, sondern wir haben mit ihnen Ideen entwickelt, wie man im Dokustil Szenen finden und inszenieren kann, die auf humorvolle Weise erzählen, was alles neu ist, wenn man von ganz weit her hier zu uns nach Deutschland kommt.

Die Ideenfindung geschah mit Fotoapparaten auf einem Streifzug durch die Stadt, mit Interviewübungen, mit Storyboardzeichnungen und Schlagworten, die wir an die Tafel schrieben. So fanden wir z.B. die Themen Neue Sprache, Meinungsfreiheit und Mülltrennung. Auch war unser herkömmlicher Supermarkt für die Neuankömmlinge gewöhnungsbedürftig. Alles in Cellophan abgepackt und kein lebendiges Geflügel, dass man zu Hause schlachten könnte!

 

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Dreharbeiten zu WIE GEHT DEUTSCHLAND? Photo: Michael Chauvistré

Die Führung der Kamera und der Tonangel wurde den Jugendlichen anvertraut. Natürlich haben wir darauf geachtet, dass das Bild scharf ist und die Belichtung stimmt. Auch beim Schnitt des Films waren sie dabei, durften selbst ausprobieren, wie man in der Montage den Bildern einen Rhythmus gibt. Alles mit einem Augenzwinkern erzählt, so dass das ernste Thema „Ankommen mutterselenallein in einer fremden Welt“ zu einem unterhaltsamer Kurzfilm wurde. Zur Premiere im Januar 2014 hatten wir über 500 Zuschauer in allen Sälen des Aachener Apollo-Kinos.

 

In den Herbstferien 2014 drehten wir einen neuen Film: „EINE BANANE FÜR MATHE – angekommen in Deutschland“ Nun hieß es, in der Schule, in der Berufsausbildung und in den privaten Beziehungen seinen Platz zu finden, also dauerhaft anzukommen in Deutschland. Der Film zeigt einen humorvollen Blick auf den Alltag im Paradies auf Erden aus Sicht der jungen Neu-Aachener. Bei seiner Premiere im Januar 2015 in der Aula der RWTH Aachen stellte er mit über 800 Zuschauern einen neuen Rekord auf.

„EINE BANANE FÜR MATHE – Angekommen in Deutschland“ ist ein „Movies in Motion“- Projekt des Bundesverbandes Jugend und Film e.V. (BJF) im Rahmen von „Kultur macht stark“. Er entstand in Kooperation des Internationalen Zeitungsmuseums Aachen, des Zentrums für Kinder-, Jugend- & Familienhilfe Maria im Tann und der Nadelfabrik Fachbereich Soziales und Integration und wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Dreharbeiten zu WIE GEHT DEUTSCHLAND? Photo: Stefanie Jansen

Folgende Werkstattfilme wurden bisher realisiert:

2014 Wie geht Deutschland? 23 min

2014 EINE BANANE FÜR MATHE 35 min

2015 Fremde Heimat 34 min

2015 UM ZU LEBEN 22 min